{"id":71,"date":"2019-08-02T14:48:20","date_gmt":"2019-08-02T12:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.josephine-kroetz.com\/?p=71"},"modified":"2019-08-06T16:20:45","modified_gmt":"2019-08-06T14:20:45","slug":"cinearte-der-berufliche-selbstmord-der-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/2019\/08\/02\/cinearte-der-berufliche-selbstmord-der-frauen\/","title":{"rendered":"Cinearte: Der berufliche Selbstmord der Frauen"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Branche gehen die Arbeitskr\u00e4fte aus. Dass liegt nicht nur daran, dass mehr gedreht wird. Einige kehren der Branche einfach den R\u00fccken. Warum? Ein Erfahrungsbericht mit Vorschl\u00e4gen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Text: <a href=\"https:\/\/www.out-takes.de\/index.php\/2019\/film-und-kinder\/\">Josephine Kroetz<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich bin jetzt seit \u00fcber 10 Jahren beim Film.<\/strong> Ich habe mit 17 mein erstes Praktikum gemacht und wusste sofort, da will ich hin. Die Mischung zwischen laufender Baustelle und Kunst, der Rhythmus, der Typ Mensch, der sich f\u00fcr den Beruf entscheidet, das traf alles meinen Geschmack. Man verdient subjektiv betrachtet nicht schlecht, kann im Winter ein paar Wochen wegfahren ohne zu bef\u00fcrchten den Job zu verlieren und es ist \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig und abwechslungsreich. Aber der Schein tr\u00fcgt und nicht zu knapp. Vielleicht war ich noch zu jung, um das endlose Spiel zu durchschauen. Vielleicht habe ich mich auch von den unz\u00e4hligen Wichtigtuern blenden lassen. Den Weitblick hatte ich auf jeden Fall nicht und jetzt stehe ich da ohne Ausbildung, ohne Abschluss, mit einer Berufsbezeichnung die man \u201eSet-Aufnahmeleitung\u201c nennt und mit der ich woanders nichts anfangen kann.<\/p>\n<p><strong>Meine berufliche Hinrichtung fand allerdings erst statt<\/strong>, als ich Mutter wurde. Es fing schon damit an, dass mir die Elternzeit durch die Agentur f\u00fcr Arbeit nicht anerkannt wurde, weil ich nicht \u201eunmittelbar vor dem Mutterschutz\u201c sozialversicherungspflichtig war. Zwischen dem Zeitkonto und dem Mutterschutz lagen etwa zwei Wochen. Ich stand also da mit einem einj\u00e4hrigen Kind, ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld. Der Gedanke, wieder in den Job einzusteigen als w\u00e4re nichts gewesen war absurd: tariflich festgelegte 13-Stunden-Tage (2016), Reisebereitschaft, Bereitschaft zur Arbeit an Wochenenden und Feiertagen sowie Nachtarbeit, kurzfristige und absolute Verf\u00fcgbarkeit. Das mag alles machbar sein, wenn man ungebunden ist, aber mit Kindern ist das unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Jetzt wird der eine oder andere Kinderlose<\/strong> in der Runde laut aufschreien und den Einwand der Kinderbetreuung kundtun. Danke daf\u00fcr, als w\u00fcrden wir Eltern nicht selbst auf den Gedanken kommen. Aber auch Kinderm\u00e4dchen m\u00f6chte gerne feste Zeiten haben, daher ist es gar nicht so einfach jemanden zu finden, der tats\u00e4chlich bereit ist, die gleichen miserablen Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, die wir Tag t\u00e4glich \u00fcber uns ergehen lassen. Und wenn man doch jemanden findet, dann will derjenige das nat\u00fcrlich dementsprechend entlohnt kriegen und wenn du dir das alles hundert Mal hin und her gerechnet hast, dann kommt unterm Strich heraus, dass du netto auf das gleiche Geld kommst, wenn du einen Mini-Job machst und dein Kind selbst betreust.<\/p>\n<p>Deshalb kann ich mich f\u00fcr die aktuellen Gleichberechtigungs- und Quotendebatten nur wenig begeistern, denn sie verfehlen alle grunds\u00e4tzlich unser gesellschaftliches Hauptproblem. Es gibt kaum Frauen in hohen, f\u00fchrenden Positionen beim Film (sowie in anderen Branchen) weil wir Kinder kriegen und danach gibt es f\u00fcr uns keinen Platz mehr! Dann sind wir raus! Entweder lebst du wie ein Mann oder du kannst deine Karriere vergessen, das ist das Fazit!<\/p>\n<p>Es w\u00e4re denkbar einfach, Teilzeitarbeit beim Film einzuf\u00fchren, die Arbeitgeber w\u00fcrden sogar davon profitieren. Sie h\u00e4tten frische, motivierte Arbeitnehmer die 5-6 Stunden am Tag H\u00f6chstleistung erbringen. Es w\u00fcrde dem Fachkr\u00e4ftemangel entgegenwirken, es w\u00fcrde R\u00fcckkehrer geben und alle k\u00f6nnten sich ein Fairtrade-Bapperl auf ihre Produktionen kleben. Man k\u00f6nnte sich logistisch v\u00f6llig neu organisieren. Ich beispielsweise w\u00fcrde mir den Job mit meiner langj\u00e4hrigen Kollegin teilen, die mittlerweile auch Kinder hat. Dadurch w\u00e4ren wir nicht auf Kita-\u00d6ffnungszeiten angewiesen, sondern w\u00fcrden die Kinder gegenseitig \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nun sprechen wir hier immer nur von M\u00fcttern, tats\u00e4chlich gibt es aber auch viele V\u00e4ter, die so einem Modell nicht abgeneigt w\u00e4ren. W\u00fcrde man also noch einen Schritt weiter gehen und abteilungs\u00fcbergreifend arbeiten, k\u00f6nnte ich mich beispielsweise direkt mit meinem Mann abwechseln und der Arbeitgeber h\u00e4tte somit sowohl eine Fr\u00fch- wie auch eine Sp\u00e4tschicht abgedeckt.<\/p>\n<p>Ich meine, man k\u00f6nnte es nat\u00fcrlich auch ganz einfach machen indem man die gro\u00dfe L\u00fcge der Drei-Stunden-Bereitschaft aus unserem Tarifvertrag streicht und Drehtage grunds\u00e4tzlich auf 8 Stunden begrenzt. Aber das ist zu einfach.<\/p>\n<p><strong>Konzentrieren wir uns doch auf die Frage<\/strong>, warum es so ein Modell in unserer Branche nicht gibt. Richtig, es hat mit Kosten zu tun. Aber \u00fcber welche Kosten sprechen wir da eigentlich? Wir sprechen \u00fcber Sozialabgaben. Der Arbeitgeber m\u00fcsste zwei Personen statt einer sozialversichern, und das ist es ihm nicht wert.<\/p>\n<p>Letzten Sonntag kam ich nach einer 6-Tageswoche nach Hause und sagt zu meiner 4-j\u00e4hrigen Tochter: \u201eMorgen hat die Mama frei.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist gut\u201c, antwortet sie \u201eimmer wenn du arbeitest, denke ich Du bist gestorben\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.out-takes.de\/index.php\/2019\/film-und-kinder\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-68 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-I-214x300.png\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-I-214x300.png 214w, https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-I-143x200.png 143w, https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-I.png 635w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.out-takes.de\/index.php\/2019\/film-und-kinder\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-67 size-medium\" src=\"http:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-II-214x300.png\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-II-214x300.png 214w, https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-II-142x200.png 142w, https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Der-berufliche-Selbstmord-der-Frauen-II.png 635w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.josephine-kroetz.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Josephine Kroetz<\/a>, erschienen in <a href=\"https:\/\/www.out-takes.de\/index.php\/2019\/film-und-kinder\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">CINEARTE 454<\/a> \/ 1. August 2019 \u2013 <a href=\"https:\/\/www.crew-united.com\/de\/cinearte\/?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">crew-united.com<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":68,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":78,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions\/78"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.josephine-kroetz.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}